Mäßigung, Lenkung, Selbstbeherrschung

Lesung mit Matias Faldbakken, Norwegen

Was sich anhört wie der Werbeslogan für ein Seminar zum Abnehmen oder Schulden reduzieren, ist laut Wahrig die Herleitung des Wortes „Moderation“ aus dem Lateinischen und sollte zum Motto für Gesprächsleiter erhoben werden.

Da kündigt beispielsweise ein Literaturverein einen schwedischen Skandalautor an. Das Publikum giert nach Sensation. Man hat bereits im Feuilleton gelesen, wie diese Veranstaltungen üblicherweise ablaufen. Die Presse sitzt ganz vorn, damit der entscheidende Horrormoment auch keiner Kamera entgeht.

Lesung mit Matias Faldbakken, Norwegen

Der Autor betritt langsam die Bühne, sein Buch in der Hand. Ein Blinzeln ins Publikum. Keiner von denen da unten spricht meine Sprache, denkt er, die glotzen alle bloß. Keiner versteht auch nur im Ansatz, worauf es mir ankommt. Die Bedeutung meines Werks im global-literarischen Kontext, hat die hier irgendjemand erkannt? Und mein Humor, der bleibt doch völlig auf der Strecke. WAS MACHE ICH HIER EIGENTLICH?

Hinter ihm kommt eine Moderatorin aufs Podium, die er erst vor einer halben Stunde kennen gelernt hat. (Trotzdem weiß sie schon lange, dass dieser Mann vor jeder Lesung ganz fürchterlich nervös ist.) Er wappnet sich gegen die erste Frage: „Wann haben Sie eigentlich entdeckt, dass Sie schreiben wollen“, wetten?! Aber sie fragt aus heiterem Himmel nach dem gestrigen Fußballspiel von Arsenal gegen Chelsea. Das beruhigt ihn ungemein, doch der Form halber bleibt er einsilbig und wortkarg. Ohne dass er sagen kann, wie es dazu kommt, sprechen sie plötzlich doch über sein Buch. Hat sie gerade wirklich nach der Bedeutung seines Werks im global-literarischen Kontext gefragt? Whiskyflasche Sein Plan, nach dem dritten Satz ausfällig zu werden, den Stuhl umzuschmeißen und unter lautem Schimpfen (das nur sie versteht) den Saal zu verlassen, gerät ins Wanken. Er ist erstaunt. Sie macht drei oder vier (halbwegs intelligente) Vorlagen für gute Witze, die er zielsicher ins Publikum donnert – und die schlimmste Hürde ist genommen.

Am Ende des Abends hat die Moderatorin drei Liter Blut und Wasser geschwitzt, zwei Übersetzungspatzer vertuscht und den Autor am Ende noch überrascht. Er hat in der Zwischenzeit eine halbe Flasche Whisky getrunken und sich kaum aufgeregt, das Publikum hat nicht auf die Uhr geschaut und nichts war, wie geplant – glauben alle, die das Motto der Moderatorin nicht kennen.

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